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Einfach mal aufhängen

oder: Der irrsinnige Verzicht auf den Wäschetrockner

WAS HABE ICH NUR GETAN??? In welchem unbedachten, von Kaffeeentzug geprägten Frühmorgenzustand (also vor 11:30 Uhr) habe ich mich von meinem gnadenlosen Kollegen mit seiner leicht suggestiv anmutenden Frage “Was machst DU eigentlich zur CO2-Fastenstaffel – du machst doch wohl mit?” dazu hinreißen lassen, mir selber eine sechswöchige WÄSCHETROCKNER-TOTALSPERRE aufzuerlegen? 

Trocknerinfo_
Quelle: Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz, www-umdenken.de/lebensstil

Na gut, der Trockner war schon länger ein schmerzender schwarzer Fleck auf der Energiesparseele. Vor allem, als ich guter Dinge ein regional-saisonal-vegetarisches Familienessen zauberte und meine Elfjährige, i-Pod in der Hand, von draußen reinkam, um mir zu erklären, dass die Familie ihrer Freundin VIEL energiesparender lebe als wir – schließlich hätten die KEINEN TROCKNER. Das schmerzt. Mit einem aufgesetzt-liebreizenden Lächeln und leicht zusammengekniffenen Augen (an dieser Stelle möchte ich auf die folgende Alliteration mit fünffachem ‚z‘ zur Dramatisierung des Momentes hinweisen) zischte ich ihr zwischen zusammengebissenen Zähnen zu : “Liebe Tochter, WIR haben aber ein vollständig mit nachwachsenden Rohstoffen gedämmtes Haus mit wärmerückgewinnender zentraler Lüftungsanlage, 17m2 Solarthermie für die Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung, dreifach-verglaste Fenster mit hervorragendem U-Wert, einen benzinsparenden Hybridwagen, wir fahren sehr viel Fahrrad, essen weitestgehend vegetarisch und wir kochen das Wasser für unsere Vollkorn-Öko-Nudeln mit einem energiesparzertifizierten Wasserkocher!” Kreative Selbstverteidigung als Ehrrettungsversuch. Man könnte auch sagen Ausrede, klingt aber nicht so spektakulär. Und gelogen war’s obendrein, weil der Wasserkocher gar nicht zertifiziert ist.

Trocknereinstellung

Die anderen können also ohne Trockner? Dann. Können. Wir. Das. Auch. (Vielleicht.)

Aschermittwoch, 14.2.2018

Vorsichtshalber habe ich den Faschingsdienstag durchgewaschen, um 23:55 Uhr noch eine trockene Wäsche in den Wäschekorb komplementiert. Nun ist meine erste Ladung Fastenzeit-Wäsche in der Trommel. Glücklicherweise ist das Wetter mir hold: Kalt, aber für Bayreuther Verhältnisse ungewohnt trocken und sonnig.

Mit meiner Wäscheleine vom letzten Sommer bewaffnet geht es raus in den Garten, um das perfekte Plätzchen für die Wäsche zu suchen. Der Haken daran: dass er fehlt. Leider haben wir beim Streichen der Garage alle Haken bis auf einen aus der Wand entfernt und die Löcher verputzt. Nur reicht einer nicht für die Wäscheleine. Es muss also anders gehen.

Versuch 1: Apfelbaum – Zierkirsche
hauruck_gesamtErfolglos. Wäscheleine zu kurz. Trotz kräftigen Ziehens, auch mit Unterstützung meiner Tochter, lässt sich der Apfelbaum nicht auf adäquaten Leinenabstand versetzen.

Versuch 2: Garage – Schmetterlingsflieder.

Goldmarie

Teilerfolg. Zwar reicht die Leinenlänge (Check), dafür rieselt bei der geringsten Berührung Frau Holles Goldsegen in Form von feinsten Buddleja-Samen auf mich nieder. Diesem botanischen Samenerguss möchte ich meine frische Wäsche nicht aussetzen, ich will ja nicht den gesparten Strom in die Nachbearbeitung der Kleidungsstücke mit dem Tischstaubsauger stecken (zumal ich keinen habe…).

 

Apropos Stromverbrauch: Lohnt sich die Wäschetrocknerabstinenz? Unser Trockner hat die Effizienzklasse A+++, braucht also nur lausige 2,5 kWh pro Wäscheladung. Bei drei aktiven gartendurchwühlenden Dauerrenn-Energiebolzen-Kinder, kombiniert mit sportlichen Aktivitäten aller Familienmitglieder, kann man von ca. 4 Wäscheladungen pro Woche ausgehen.

2,5kWh*4 Ladungen*6 Wochen = 60 kWh.

Der deutsche Strommix (Umweltbundesamt 2016) beziffert den Ausstoß von 526g CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde, also 31,56 kg CO2 für meine 6 Wochen Trockner. Das ist keine Tonne, aber immerhin.

Laut Deutscher Energieagentur (dena) verbraucht das elektrische Trocknen der Wäsche im Schnitt drei- bis viermal so viel Strom wie das eigentliche Waschen, und der Trockner kann bis zu 10 Prozent des Gesamtstromverbrauchs im Haushalt ausmachen. Effiziente Geräte  machen einen deutlichen Unterschied.

Das statistische Bundesamt listet 15,8 Millionen Trockner in Deutschland im Jahr 2017, d.h. etwa 40% der Haushalte sind mit einem Trockner ausgestattet. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 3 kWh (Altgeräte sind ja weniger effizient als meins) und 2 Wäscheladungen pro Woche, also 104 pro Jahr, kämen wir auf 4.929 Gwh Strom und damit 2,6 Mio Tonnen CO2. An alle Mathelehrer: BITTE findet einen Fehler in der Rechnung!

Mein Einkaufszettel wird um eine längere Wäscheleine und einen zweiten Wäscheständer erweitert, meine erste Fastenwäsche wird drinnen aufgehängt. Leider glaubt mir mein Mann nicht, dass Wäscheständer heutzutage als modisches Accessoir im Wohnzimmerdesign gelten, das unansehliche Ding wandert daher in sein Arbeitszimmer. Im zweiten Stock. Lässt den Trocknerfrust mit Zahl der Treppenstufen wachsen, aber hält fit.

Sonntag, 18.02.2018 bis Montag, 19.02.2018

Mist. Ich habe erst gestern die Wäscheleine und den Wäscheständer besorgt. Inzwischen haben sich etwa vier (!!!) Wäscheladungen angesammelt. Wohin also mit der Wäsche? Wenn ich das alles im Arbeitszimmer aufhänge, brauch ich einen Bautrockner… Hier ist Kreativität gefragt.

Kreativ_Trocknen

Irgendwie schafft man’s.

Wäsche_fertig

Bis heute

Ein einziger Blick auf die Wäscheständerverpackung, geziert von einer strahlenden Hausfrau mit Model-Maßen, hat mich meine Einstellung zum Wäscheaufhängen gänzlich ändern lassen: Diese meditative Arbeit bringt dich total in den flow. Wäscheaufhängen ist ein Wellness-Erlebnis der eigenen Art. Nur muss ich mich jetzt immer schminken, bevor ich Wäsche aufhänge, um der Dame auf dem Bild zu entsprechen.Aufhaengen_8944_klein

Aber mal ehrlich: Wenn 40% der Haushalte einen Wäschetrockner haben, heißt das doch wohl, dass 60% der Haushalte ohne auskommen. Dann kann es ja wohl nicht so schwer sein!

Inzwischen habe ich den einen oder anderen spöttischen Kommentar über mich ergehen lassen müssen, ob ich tatsächlich glaube, mit dem bisschen Wäscheaufhängen die Welt zu retten. Ich schau aus dem Fenster und sehe meine Große, die auf dem von Rauhreif glänzenden Rasen Limbo unter der Wäscheleine tanzt, während ihre Brüder die Überreste unseres Christbaumes zersägen, um daraus einen Winterunterschlupf für Käfer zu bauen. Kann ich für sie die Klimakatastrophe abwenden? Ja, das muss ich doch! Ich brauche nur ein bisschen Mithilfe. Von ca. 7,5 Milliarden anderen . Also: Tipps im Blog lesen und mitmachen. Und meine Trocknereskapaden teilen, denn bekanntlich ist geteiltes Leid doppelte Schadenfreude.

Fotos: Gesa Thomas

 

English Audio version of „Just hang it!“

15 Gedanken zu „Einfach mal aufhängen“

  1. Hallo zusammen,
    scheint ja ein reines Frauenthema zu sein. Also wir haben auch einen Trockner, der bald ersetzt werden muss. Noch funktioniert er aber und dann schwanke ich immer, ob dann ein Austausch schon sinnvoll ist …. Da mein Umweltgewissen mich auch immer wieder plagt, arbeite ichmit folgendem Kompromiß:
    – Die Waschmaschine voll beladen. Ab und an mache ich eine Kontrollwiegung.
    – Leider neigt unsere Waschmaschine zu Knitterfalten. Besonders bei 1.400 Schleudertouren.
    – Um den Bügelaufwand möglichst gering zu halten und den Stromverbrauch des Trockners zu minimieren, packe ich diese Wäsche nur kurz in den Trockner, um sie aufzulockern. Dann wird sie sorgfältig auf den Wäscheständer gehängt, Blusen und Hemden auf Bügel und siehe da….
    Bügelaufwand minimiert.
    – Die Wahl der Kleidung ist auch sehr wichtig. Beim Einkaufen von Kleidung mache ich immer den Knittertest. Einmal ordentlich mit der Hand zusammenknüllen und schauen …
    – Pullover anziehen. Wenigstens ein Vorteil bei dieser Saukälte.
    – Wenn es warm und trocken ist, kommt die Wäsche nach draußen.

    Liebe Gesa,
    die Gefriertrocknung erinnert mich sehr an meine Kindheit.Wir waren zu sechst und haben im Winter häufig steifgefrorene Wäsche gehabt. Ich gratuliere dir zu deinem Schreibtalent!

    1. Klingt nach einem guten Kompromiss, und der Knittertest ist ne klasse Idee! Das mit der Gefriertrocknung klappt im Moment ja extrem gut (schlotter…) Danke auch für Dein Kompliment!

  2. PS: Vielleicht freut sich dein Mann ja über eine Wäschespinne für den Garten! Männer wissen doch so selten selbst, was sie sich wünschen sollen!!!

  3. Liebe Gesa, Respekt, jedenfalls wenn es um 5x Bettwäsche geht und das an nicht unbedingt sonnigen Wintertagen. Da wünscht man sich den guten alten Trockenboden zurück!

    1. Jaaaa, die Bettwäsche hätte ich vielleicht tatsächlich am Faschingsdienstag noch mit reinhauen sollen 😉 Aber dafür hab ich ja meine Tochter…

  4. Liebe Gesa,
    super Beitrag! Deine Rechnung, wieviel Strom für Wäschetrocknen gebraucht wird, beunruhigt mich auch etwas, ich komme aber zunächst auch aufs gleiche Ergebnis. Ich denke nur, viele Haushalte haben einen Trockner, nutzen ihn aber nicht regelmäßig, hängen z.B. Wäsche im Sommer draußen auf und nutzen ihn nur bei schlechtem Wetter.
    Mein Mann und ich gehören übrigens zu den Haushalten, die keinen Trockner haben, dafür haben wir den Luxus eines Trockenraumes im Keller, der beheizt und von allen (8) Mietparteien genutzt werden kann. Momentan klappt es super, der Heizwärmeverbrauch scheint nicht allzu groß zu sein, da der sicher auf alle Mieter umgelegt wird und wir insgesamt keine hohe Heizrechnung haben.
    Übrigens könnte man beim Trocknen das Bügeln gegenrechnen: Wer den Trockner benutzt muss in der Regel weniger Bügeln – was braucht eigentlich ein Bügeleisen an Strom?
    Wäsche im Büro trocknen, finde ich eine interessante Alternative, das bekämpft das trockene Klima, befördert die Teamarbeit und bringt Farbe in den Alltag! 🙂

    1. Liebe Susanne, ich habe schon einigermaßen konservativ gerechnet. Die meisten Quellen geben eher etwa 4 kWh für den durchschnittlichen Trockengang an, ich habe auch nur mit zwei Ladungen pro Woche und pro Trockner gerechnet, weil ich selber z.B. auch im Sommer den Trockner kaum nutze und nur im Winter regelmäßig einen Rückfall in die Faulheit erleide. Ich fürchte wirklich, das Ergebnis ist nicht allzu unrealistisch…
      Super jedenfalls, dass Du zu der Fraktion der Trocknerlosen gehörst, bleib dabei!

    2. Liebe Susanne, in einem Punkt muss ich dir widersprechen: auch ohne Trockner komme ich überwiegend ohne Bügeln aus. Bernd wollte das auch nicht glauben, aber er musste schließlich eingestehen, dass ich keineswegs zerknittert auf der Arbeit erscheine. 🙂
      Das hängt natürlich auch von der Kleidung ab, bei Blusen aus reiner Baumwolle o.ä. wird man wohl doch hin und wieder das Bügeleisen bemühen müssen. Wichtig ist, die Kleidung möglichst bald nach dem Waschgang aus der Maschine zu holen, etwas auszuschütteln und ordentlich aufzuhängen.

      1. Liebe Sabine,
        Du hast Recht, Deine Tipps zum knitterfreien Trocknen sind optimal, ich versuche das auch immer. Ein weiterer Tipp ist auch, die noch feuchte Wäsche zu bügeln, wenn notwendig, dann verbraucht man die Energie zumindest nicht zweimal.

  5. Liebe Gesa,
    wie auch im letzten Jahr ein sehr lesenswerter und amüsanter Beitrag, der aber natürlich auch den perfekten ernsten Beigeschmack enthält! Schließlich sind es die kleinen Sachen die uns nicht kaputt machen (und allermeist sogar Gutes mit sich bringen) und einen kleinen Schritt in die richtige Richtung gehen lassen. Und- wem Wäschetrocknen an der Leine zu wenig Klimachutz ist, der darf ja gerne mehr machen! Die Ideen sollten deinen Spöttern dank des Fastenblocks zumindest nicht ausgehen. Schwierig wirds da eher manchmal mit dem inneren Schweinehund… aber auch der ist zu knacken!
    Beim Trocknen bin ich zur Wäscheleine gezwungen, da ich keinen Trockner habe. Aber ich habe zugegebenermaßen auch keine drei „gartendurchwühlenden“ Kinder, daher Respekt für dein Fastenvorhaben und ich bin gespannt auf deinen Trizeps beim nächsten Treffen! 😉

    1. Liebe Lisa, danke für Deinen lieben Kommentar. Super, dass Du keinen Wäschetrockner hast, thumbs up! Wie immer übertreibe ich gern ein bisschen in meinem Blog – auch mit drei Energiebündeln von Kindern ist es natürlich durchaus machbar, die Wäsche aufzuhängen – man muss ja nicht alles am Samstag waschen und dann mit Bergen von Wäsche dastehen. Ich habe in letzter Zeit mit vielen meiner Freunde über das Thema Wäschetrockner gesprochen und festgestellt, dass auch ziemlich viele der anderen Familien mit 2 oder 3 Kindern gänzlich ohne diese Luxus-Energieschleudern auskommen.

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