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Es lebe die kleine Möhre!

Eigentlich mag ich nichts Perfektes. Scheinbar perfekte Menschen sind häufig auch irgendwie … langweilig. Meine Sympathie gehört den Gescheiterten, denen, die mit dem Leben hadern und trotzdem versuchen den Kopf oben zu halten.

Ganz anders verhalte ich mich im Supermarkt. Da kaufe ich das Obst und Gemüse, das perfekt aussieht. Genormte Größen, knackiges Aussehen, schöne Farbe und keine Spur von einem Würmchen, das an der Schale geknabbert hat. Das ist natürlich Unsinn, weil ungenormte Früchte genauso gut schmecken. Und es ist mit Blick auf den CO2 – Verbrauch große, unnötige Verschwendung.

Verschwendung schon vor dem Verkauf

Jeder zweite Salat, jede zweite Kartoffel und jedes fünfte Brot landet in der Tonne. Unglaubliche Mengen von Obst und Gemüse werden vernichtet, weil es nicht in den Verkauf gelangt. Zu große Kartoffeln, zu krumme Gurken, Tomaten in der falschen Farbe landen auf dem Müll. Kann man nicht verkaufen!

Das ist natürlich moralisch fragwürdig und ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die als Kind ihr Pausebrot mit Leberwurst runtermampfen mussten, weil in Afrika Kinder hungern. Es ist aber auch ein Problem für den Energie- und Ressourcenverbrauch. Für unsere Verschwendung wird Regenwald gerodet, Wasser verbraucht, werden Gewächshäuser geheizt, Pestizide und Dünger ausgebracht. Wenn wir aufwändig produzierte Lebensmittel mit kleinen Abweichungen trotzdem tatsächlich verzehren würden, könnte unser Klima etwas aufatmen. Es wäre der gleiche Einsparungs-Effekt, als wenn wir jedes zweite Auto stillegen würden.

Fastenvorsatz

Deshalb lautet mein Fastenvorsatz für diesen ehrenwerten Blog: Rette die kleine Möhre! Regional – saisonal – bio und …. krumm! Der Coburger Wochenmarkt bietet mir die Möglichkeit dieses Versprechen einzulösen.

Stefan Kornherr

gemuesestand

Stefan Kornherr (rechts im Bild) auf dem Coburger Wochenmarkt

PS: Meine Frau meint, ich hätte mich mehr engagieren können. Nur auf dem Wochenmarkt verhuzzeltes Gemüse kaufen, wäre zu einfach. Vielleicht hat sie recht. Wahrscheinlich reift nach über 30 Jahren Ehe in ihr eine bittere Erkenntnis. Der Mann, den sie damals geheiratet hat, ist eines auch nicht: Perfekt.

Autorentext: Stefan Kornherr engagiert sich bei Transition Coburg. Das Motto: „Einfach.Jetzt.Machen“ gefällt ihm. Die Coburger Gruppe verleiht kostenlos ein Lastenrad, verschenkt Stofftaschen, organisiert Warentauschtage, unterstützt Foodsharing und vieles mehr: http://www.transition-coburg.de

Fotos: Stefan Kornherr

7 Gedanken zu „Es lebe die kleine Möhre!“

  1. Hallo zusammen,
    vielen Dank für die interessanten und netten Kommentare.
    @Lena: Ja, schmeckt super!
    @kunterbunt79: Selbst anbauen ist die schlaue und schöne Alternative 🙂

    Viele Grüße
    Stefan

  2. Liebe Lisa,
    gute Frage. Meine Erfahrung: In manchen Geschäften werden die Gebinde geöffnet, die schlechte Ware entsorgt, die gute offen verkauft. Ob das eher die Regel oder die Ausnahme ist, weiß ich nicht. Probiere es doch einfach mal aus, ob Du einen günstigeren Preis bekommst oder aber vor Ort das Gebinde öffnen kannst und die schlechten Produkte herausnimmst und nur für den Rest zahlst – fragen kostet ja nichts.

  3. Toll geschrieben! Und 30 Jahre Ehe hin oder her, es stimmt eben, dass viel zu viele Nahrungsmittel weggeworfen werden. Am meisten schmunzeln musste ich bei der Leberwurst-Pausenbrot-Stelle, habe ich doch dieses wundervolle Argument „Jetzt müssen wir’s wegschmeißen und anderswo auf der Welt verhungern die Kinder!“ beim Auffinden von vier (!) vollkommen verschimmelten Brotboxen unter dem Bett meines Sohnes selber angeführt…

  4. Ich bin mal wieder begeistert von deinem humorvollen Schreibstil lieber Stefan, vielen Dank!
    Und bezüglich deines Fastenvorhabens mal eine Frage in die große Runde:
    Wie ist das eigentlich mit Lebensmitteln die im Supermarkt zum Verkauf ausliegen und innerhalb einer Packung/Verpackungseinheit (hoffentlich nicht aus Plastik) z.B. ein kleiner Teil vielleicht nicht mehr so ansehnlich aussieht, einzelne Tomaten/Trauben/etc. leicht faul/schimmelig sind o.Ä., der Rest aber noch gut ist?
    Hat man hier die Möglichkeit z.B. eine Preisreduzierung zu erbeten/zu verlangen? Kennt sich hier jemand rechtlich aus? Oder müsste der Supermarkt diese dann theoretisch eigentlich entsorgen und darf sie gar nicht mehr verkaufen?
    Ich weiß, dass man bei Schimmel natürlich generell vorsichtig sein sollte, da dieser sich oft auch schon nicht sichtbar weiter verbreitet hat (z.B. bei Brot), aber oft sind es ja wirklich nur einzelne Früchte die nicht mehr so gut sind, die man ohne Probleme vom noch guten Teil entfernen könnte.
    Je nach Anteil überlegt man dann aber doch zweimal, ob man für den vollen Preis dann nicht doch eine „unversehrte“ Portion nimmt. Eine Preisreduzierung käme der sinnvollen Verwertung der noch guten Lebensmittel da denke ich entgegen. Oftmals sind solche Sachen dann auch schon reduziert, aber eben nicht immer. Lohnt sich hier die Nachfrage nach einem Preisnachlass? Hat hier schon jemand Erfahrungen gesammelt?

    1. Ich vermute, dass das mit dem Preisnachlass daran scheitern könnte, dass die Angestellten im Laden das nicht entscheiden können und eventuell auch gar nicht in der Kasse eingeben können, aber sicher bin ich nicht. Meine Nichte hat erzählt, dass sie in Uppsala, Schweden ein Programm hatten, bei dem eben solche nicht unversehrten Gebinde in separaten Containern zum freien Verzehr angeboten wurden. Oder zumindest hab ich das so verstanden. Ob das in Deutschland rechtlich möglich ist, weiß ich nicht.

  5. Ein wunderbarer Vorsatz, oft schmeckt ja sogar das Gemüse besser, welches nicht so „aufgeblasen“ ist, weil es mit viel Dünger viel zu schnell wachsen musste. Natürlich ist es auch angenehmer, eine große gerade Karotte oder Möhre zu schälen, als wenn die Oberfläche nicht so glatt ist.
    Mich würden Ihre Erfahrungen sehr interessieren? Schmeckts?

  6. klasse beschrieben, denn wer ist denn schon perfekt….blickt man auch mal hinter die Fassade,nämlich keiner….mir ist auch egal wie die Möhre gewachsen ist, haben letztes Jahr sogar unsere eigenen im Garten angepflanzt

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