Konsum

Challenge 16: Voll im Tauschrausch

Was haben das kommunistische Manifest und Marc-Uwe Klings notorisch-antikapitalistisches Beuteltier auf dem Bild mit Klimaschutz zu tun? Bei dieser Challenge geht es doch tatsächlich gegen das Lieblingskind des Kapitalismus: den Besitz! Falls die Beine schon zu zittern beginnen: Es ist nicht so schlimm, wir haben heute den idealen (oder ideellen?) Tauschkurs…

Challenge Tag 16: Leihe, tausche, oder teile einen Gegenstand!

Mein Haus, mein Auto, meine Shakespeare-Gesamtausgabe. Wir wollen besitzen. Laut statistischem Bundesamt verwenden die privaten Haushalte den größten Teil ihres ausgabefähigen Einkommens für Konsumausgaben. Nimmt man Bereiche wie Essen, Wohnen und Verkehr heraus, machen andere Konsumgüter wie Bekleidung, Freizeit, Bildung, Kommunikation und Elektronik, Gaststättendienstleistungen und ähnliches ein knappes Drittel der privaten CO2-Emissionen aus. Laut Känguru ist der deutsche Besitzwahn jedenfalls eindeutig Kategorie „nicht witzig„. Dabei gibt es so viele schöne Möglichkeiten, nicht zu besitzen – oder nicht zu behalten.

Also, ein Beispiel muss her, und weil wir oben schon mit Büchern begonnen haben, bleiben wir doch gleich mal dabei:

Bücher. Und ihre Ökobilanz.

Typischer Kommentar meines Sohnes an der Kasse im Buchladen: „Ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“ Erwischt. Mal wieder. Ich kann meinen Fuß nicht in einen Bücherladen setzen, ohne mit einigen Kilogramm Mehrgewicht wieder herauszugehen. Bücher enthalten sowohl Freizeitwert als auch Bildung. Zudem komme ich aus einem Germanisten- und Anglisten-Haushalt, in dem sich die Bücherregale an allen Wänden durchbiegen. Also macht mir jetzt nicht meine Bücher madig (oder bücherwurmstichig)!

Rund eine Milliarde Bücher werden in deutschen Verlagen jährlich produziert (Umweltinstitut München). Die meisten Druckereien setzen dabei auf Frischfaserpapier, also nicht recycletes Papier. Für 1.000 Bücher von 250 Seiten müssen laut Umweltinstitut München 12 Bäume gefällt werden. 83 Bücher pro Baum. Meiner Rechnung nach wären das im Fall von Fichten etwa 12-15m hohe und 18-20cm dicke Bäume, also keine Giganten, aber auch nicht Zwerge. Tatsächlich ist Deutschland nach den USA, China und Japan der viertgrößte Papierproduzent der Welt, bzw. der größte in Europa (WWF, UBA), natürlich nicht nur für Bücher, aber eben auch. Die Wälder in Deutschland reichen für solche Mengen an Primärfaserproduktion nicht aus, stattdessen wird das nötige Holz aus Skandinavien, Russland und Kanada, aber ein Viertel auch aus den Tropen (v.a. Brasilien) importiert. Das heißt nicht nur Einbuße von CO2-Senken durch Abholzung von Wäldern, sondern auch CO2-Emissionen für den Transport. Häufig sind Bücher inzwischen auf Papier mit FSC (Forest Stewardship Council)-Siegel gedruckt, aber meistens ist es das “FSC-Mix”-Siegel; d.h. dass nur 50% des Papiers aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammen muss. Mit Recycling hat das nichts zu tun. Recyclingpapier wäre deutlich besser von der CO2-Bilanz her, wie eine ausführliche Studie vom UBA zeigt. Besonders das Papier mit blauem Engel. Aber Verlage halten Recyclingpapier häufig für ungeeignet für den Druck. In Deutschland sind es vor allem kleine Verlage und Druckhäuser, die es vormachen, schön beschrieben im Buch Vier für das Klima; mal sehen, wie lange die Großen dem Recycling-Druck noch standhalten…

In Kanada wurde jedenfalls vom Verlag „Raincoast Books“ eine Millionenauflage von Harry Potter auf 100%igem Recyclingpapier gedruckt. Dass dabei 30.000 Bäume weniger gefällt werden mussten und 47 Millionen Liter Wasser gespart wurden, war keine Zauberei.

Nichtlesen ist keine Alternative – also, was tun?

Lesen ist mir heilig, das werde ich auch nicht aufgeben. Und ich habe eben lieber ein Buch aus Papier als einen E-Reader in der Hand (der tatsächlich laut Ökoinstitut Freiburg etwa ab dem zehnten Buch von der CO2-Bilanz her besser ist, trotz Produktion, seltener Erden und Strombedarf…). Was also tun?

Tipp 1: Büchertauschrausch mit Freunden und Verwandten

Vielleicht haben deine Freunde ja einen ähnlichen Büchergeschmack wie du? Oder der Bücherschrank deiner Eltern enthält die sowieso die gesamte Literatur der letzten 300 Jahre? Na, dann kann man doch bestimmt einen Tausch organisieren oder sich ein Buch ausleihen? Vor allem ist das auch in kleineren Kommunen ohne Einschränkung möglich 🙂

Tipp 2: Mit dem Fahrrad oder ÖPNV zur Bibliothek!

Die meisten Städte haben recht gut sortierte Bibliotheken, die nicht nur Bücher, sondern auch Hörbücher, Karten, Filme, Spiele und vieles mehr im Angebot haben.

Tipp 3: Das richtige Café finden… 

in dem ein offenes Bücherregal zum Kaffee gereicht wird 🙂 Ich kenne allein drei meiner Lieblingscafés hier in Bayreuth und ein Café in Pegnitz, bei denen ich aus einer großen Bücherauswahl aussuchen kann. Da schmeckt der faire Kaffee gleich nochmal so gut.

Tipp 4: Offene Bücherschränke

Die gibt es auch in vielen kleinen Gemeinden mit einem buntgemischten Büchersalat von den ältesten Schinken bis zum neusten Tofu. Tür auf, Buch raus, Buch rein, Tür zu. Die Bücherschränke sind oft in alten Telefonzellen, aber die schönste Nachnutzung gibt es meiner Meinung nach in Eckersdorf im Landkreis Bayreuth: Die Bücher sind in vier ausrangierten Kühlschränken untergebracht.

Tipp 5: Gebrauchte Bücher kaufen und gelesene Bücher, die man nur einmal liest, verschenken oder verkaufen

Vielleicht nicht die Shakespeare-Sammlung, aber der eine oder andere seichte Krimi, der beim zweiten Mal extrem langweilig wäre, muss da nicht notwendigerweise im Bücherregal stehen. Und jemand anders freut sich bestimmt darüber.

Tipp 6: Das Buch freilassen

Eine besonders nette Idee zum Literatur-Teilen entstand 2001: BookCrossing. Die Bücher gehen dabei auf Reisen ohne Grenzen. Man registriert ein Buch auf der Webseite, bekommt für das Buch eine ID, kennzeichnet das Buch damit (handschriftlich, Etikett, …) und lässt es liegen. In der Kneipe, in der Bahn, im Badezimmer eines Bekannten… Jemand anders findet es, liest es, schreibt kurz etwas dazu auf der Webseite (man findet es ja anhand der ID) und lässt es wieder frei. Man kann also immer sehen, ob es dem reisenden Buch noch gut geht.

Was bedeutet Bücherleihen, -tauschen oder -teilen für das Klima?

Die Produktion und der Vertrieb eines Taschenbuches mit 300 Seiten in DinA5-Größe, das ungefähr 500g wiegt, verursacht etwa 1,1kg CO2. Auf Recyclingpapier reduziert sich das auf 800-900g. Bei 1 Milliarde Bücher reden wir also von grob geschätzt mind. 1 Million Tonnen CO2, da ja sehr viele Bücher sehr viel schwerer sind. Sagen wir, man könnte die Hälfte dieser Bücher ausleihen, statt sie zu kaufen, dann würden 500.000 Tonnen CO2 eingespart. Das klingt jetzt erst einmal nach gar nicht so viel. Nicht eingerechnet sind dabei aber die Umweltfolgen durch Rodungen. Bei 12 Bäumen für 1000 Bücher wären das übrigens 12 Millionen Bäume jährlich für Bücher, bei 5m Abstand der Bäume wäre das ein Wäldchen von 30.000 Hektaroder 42.000 Fußballfeldern.

Wem das nicht reicht an CO2-Einsparung, der kann auch gerne etwas anderes Leihen oder Tauschen, das gibt es vom Akkubohrer des Nachbarn über die Flex beim Maschinenverleih bis zum Car-Sharing-Auto viele Möglichkeiten, durch Verzicht auf Besitz viel CO2 einzusparen.

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Der Büchertausch hat aber vor allem Spaß gemacht, zumal, wenn man Marx & Engels abgibt und Marc-Uwe & Känguru bekommt!

Bildnachweis: Gesa Thomas, Landkreis Bayreuth

Autorin: Gesa Thomas

Links und Büchertipps:

Impressionen von Challenger:

Unser Tauschrausch-Video von Jens, Gesa und Max auf Facebook

5 Gedanken zu „Challenge 16: Voll im Tauschrausch“

  1. Bücher verleih ich nur sehr ungern, zu viele sind nicht, oder verschmutzt zurück gekommen.
    Aber Werkzeug leihen wir Nachbarn uns untereinander, was der Eine nicht hat, hat der Andere. Klamotten tausch ich mit meiner Schwester und Musik-CDs mit meinem Freund.

    1. Der Nachbarschafts-Werkzeug-Verleih klappt bei uns auch super, weil hier alle nacheinander angefangen haben zu bauen. Es braucht schließlich nicht jeder einen eigenen Bohrhammer, eine eigene Flex und einen eigenen Apfelpflücker. Find ich klasse.

  2. Gute Idee. Lese gerne geliehene Bücher, aber bislang wollte noch niemand sie gegen Marx, Engels & Co tauschen 🙁 . Vor einem Jahr habe ich einem lieben Menschen ein Buch geschenkt, das er mir kürzlich zurück geschenkt hat. Auch ein Sparmodell, oder?

    1. Das ist doch klasse – man muss nur schnell genug vergessen, was drin stand. Oder es auf Reisen schicken 😉 Aber das Büchertauschen klappt ja bei uns sowieso ganz gut, wobei ich Bear and Nightingale gerade erst anfange 😉

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