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Mit der Rennsemmel auf der Überholspur

Interview mit Energieberater Jörg Wicklein, der sein Rad bei einem Feldtest auf Herz und Nieren geprüft hat und weiß wo die größten CO2-Fallen unseres Mobilitätsverhaltens lauern

Du pendelst jeden Tag mit dem Fahrrad beziehungsweise mit dem Pedelec zwischen Coburg und Neustadt. Seit wann fährst du Pedelec und warum?

Ich habe mir das S-Pedelec 2010 gekauft. Damals hatte ich den Auftrag zur Erstellung des Klimaschutzkonzepts für die Stadt Coburg. Nachhaltige Mobilität war dabei ein wichtiges Thema und damit auch das Fahrrad. Oft kam da das Argument, Coburg sei zu hügelig für das Fahrrad. Ich sehe das nicht so, zumal es ja Pedelecs gibt. Und weil ich persönlich nicht etwas „predigen“ kann ohne es zu leben, habe ich mir ein schnelles Pedelec also ein S-Pedelec als „Dienstfahrrad“ gekauft (unterstützt bis 45 km/h). Ich bin dann so weit es ging als Energieberater zu meinen Kunden gefahren. Das heißt zum Beispiel den Festungsberg hoch oder in umliegende Orte in ca. 10 km Entfernung. Weil ich beim Radfahren immer ungeduldig bin kam ich trotz der Versprechungen der Pedelc-Werbung meistens ins Schwitzen. Meine Kunden haben es dem Energieberater schmunzelnd verziehen.

Inzwischen arbeite ich als Energieberater bei den KBN in Neustadt. Wir fahren von dort nicht mit dem Fahrrad zu den Kunden, sondern mit dem Elektroauto. Aber ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad von Coburg nach Neustadt und zurück. Das sind einfach knapp 14 km. Ich fahre bei fast jedem Wetter – außer bei Glatteis. Das ist ein belebender Einstieg in den Tag und ein hervorragender Ausgleich zur Arbeit – und erspart das Fitnessstudio.

 

Du hast mal bei einem Klimaschutztreffen aufgezeigt wie viel CO2 du damit einsparst. Wie war das noch mal?

Ja, ich hatte vorsichtig gerechnet, dass ich nur 37 Wochen im Jahr mit dem Pedelec fahre. Den Stromverbrauch hatte ich gemessen: 0,23 kWh je Strecke. Ich bin davon ausgegangen dass ich die Akkus mit deutschen Strommix lade anstatt mit Ökostrom. Dann habe ich das mit den Emissionen und Kosten eines Kleinwagens verglichen, der 140 g CO2 je km ausstößt. Übers Jahr ergab das eine CO2-Einsparung von 735 kg und eine Kosteneinsparung von 1760 € im Jahr. Inzwischen fahre ich mindestens 40 Wochen im Jahr mit einem normalen Fahrrad. Und wenn man das mit einem etwas „moderneren“ Auto vergleicht, spare ich locker eine Tonne CO2 ein. Aber selbst das wären nur ca. 40% der durchschnittlichen CO2-Emissionen je Kopf im Bereich Verkehr laut UBA (2,19t)

Feldtest S-Pedelec Jörg

 

Nur 40% klingt ernüchternd. Viel mehr kannst du doch eigentlich nicht machen. Woran liegt das? Wodurch werden die restlichen 60% verursacht?

Ich denke, das sind auch beim durchschnittlichen Verbrauch vor allem die Fernflüge. Das muss uns klar sein: Wir können uns noch so anstrengen – wenn wir die Flugreisen nicht reduzieren werden wir kein Land gewinnen.

Auch die Diskussion um Elektroautos lenkt meiner Meinung nach von den eigentlichen Möglichkeiten des Klimaschutzes ab: Weniger Auto fahren – viel mehr Strecken mit dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen. Weniger Flugreisen – mehr Abenteuerurlaub in Europa. Das kann auch das Leben bereichern.

 

Was müsste deiner Meinung nach getan werden, damit mehr Menschen auf das Rad umsteigen?

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus wären das vor allem viel bessere Radwege für die tägliche Fahrt zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen. Wege, auf denen man sicher, schnell und unkompliziert im Landkreis zu den wichtigsten Zielen kommt. Ich finde, die meisten Radwege, die wir haben, sind lückenhaft, anscheinend eher für die Freizeit konzipiert, oft unsicher und würden gar nicht viel mehr Radfahrer vertragen. Wir bräuchten einen 10-Jahres-Plan für den Radwege-Ausbau – mit entsprechendem Budget hinterlegt. Dann könnten wir wirklich was bewegen.

 

Auf dem Weg zur Arbeit kannst du nicht viel mehr CO2 fasten. Hast du dir trotzdem etwas vorgenommen?

Ich will zwei Dinge versuchen: Papier sparen, auch auf der Arbeit. Zuhause unnötige Werbe-Zeitschriften und Kataloge abbestellen.

Und konsequent Fleisch nur am Wochenende – Prinzip Sonntagsbraten. Da kamen mir die bisherigen Rezeptvorschläge von Herrn Heimbeck auch für unter der Woche sehr gelegen!

Außerdem ist selbst bei meinem Mobilitätsverhalten in Sachen Umweltfreundlichkeit noch ein bisschen Luft nach oben. Deshalb möchte ich wieder verstärkt unseren umfunktionierten Fahrradanhänger für Kinder auch zum Einkaufen nutzen oder aber auch einfach meine Satteltaschen die meist schon ausreichen. Auch mit einem Fahrrad kann man erstaunlich viel transportieren!

Vielen Dank für deine Erfahrungen und Tipps zum Radverkehr und unfallfreie Fahrt!

2 Gedanken zu „Mit der Rennsemmel auf der Überholspur“

  1. Hallo Herr Wicklein,
    Ihr Mobilitätsverhalten finde ich echt super. Ich bin selbst begeisterter Radfahren und einige Jahre eine einfache Strecke zwischen 8 und 12 km zur Arbeit gefahren. Das letzte Jahr war ich recht faul und habe vorwiegend die S-Bahn genutzt. Daher überlege ich mir auch ein S-Pedelec anzuschaffen.
    Wie sind denn Ihre Erfahrungen bezüglich der Streckenplanung mit dem S-Pedelec? Es gibt da verschiedenste Vorgehensweisen bei den Bikern;). Was ist Ihre Erfahrung mit den Radwegen außerorts und wie sind die Reaktionen von den „normalen“ Radlern? Gibt es da Konflikte?
    Viele Grüße,
    Simon Rebitzer

    1. Hallo Herr Rebitzer,
      ja das mit der Streckenplanung ist so eine Sache. Die Pedelecs mit Versicherungsnummernschild gelten ja als Kleinkrafträder und dürfen nicht auf Radwegen fahren, obwohl sie (zumindest mein altes Ross) kaum schneller sind als ein Rennrad. Meine Strecke führt tatsächlich vor allem über Radwege außerorts, ist aber wenig befahren – vor allem früh um 6:45 Uhr. Mit anderen Radlern oder mit Fußgängern gibt es da keinerlei Konflikte.
      Allerdings gibt es den Konflikt mit der Straßenverkehrsordnung! Ich habe gelesen, dass es Überlegungen gibt, das sinnvoller zu regeln, fürchte aber hier tut sich nichts. Ich sehe auch so gut wie nie ein anderes S-Pedelec (außer einmal in Tübingen, wo auch der OB eines fährt: https://pedelec-elektro-fahrrad.de/news/tuebingens-ob-palmer-gewinnt-mit-s-pedelec-wettrennen-gegen-auto/129668/). Wenn kein Nummernschild dran geschraubt ist erkennt man sie allerdings gar nicht als solche – wer weiß… Ich halte, wie OB Palmer auch, das S-Pedelec für das ideale Verkehrsmittel für kurze Distanzen. Verordnungen und Infrastruktur sollten deren Nutzung erleichtern anstatt zu erschweren. Mit dieser Überzeugung bin ich lange Zeit verordnungswidrig (!) und natürlich mit Nummernschild auf (meist leeren) Radwegen gefahren. Ein ordnungsgemäßes Ausweichen auf die Bundesstraße hätte mich und sicher auch die Autofahrer gefährdet die zu Überholmanövern gezwungen worden wären.
      Ordnungshüter brauchen mir nun aber nicht mehr auflauern: Zwischenzeitlich ging meine S-Ram-Nabe nach ca. 20.000 km kaputt und galt als nicht mehr lieferbar. Ich habe mir erst mal ein normales Fahrrad gekauft und fahre damit seit fast einem Jahr die gleiche Strecke. Offensichtlich hat auch das S-Pedelec-Fahren fit gemacht. Die Alternative normales Pedelec, also Unterstützung bis maximal 25 km/h würde für mich keinen Sinn machen, da dies auch so bereits meine durchschnittliche Geschwindigkeit ist. Akzeptabel wäre ein Pedelec, das etwa bei 30 km/h sanft die Unterstützung verringert. Ich bleib erst mal bei Muskelkraft, ich habe mich daran gewöhnt.
      Auch wenn ich nun vorerst „unplugged“ fahre würde ich ein S-Pedelec empfehlen. Und wer weiß, wenn ich weiter Fahrtkosten gespart habe, und mich ein cooles neues Gerät anlacht, könnte ich wieder schwach werden.
      Viele Grüße von Jörg Wicklein

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